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Das Brompton-Faltrad im sommerlichen Fahrradtest auf Hiddensee

Von Frank Dehlis

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Kultrad Berlin

In vier Handgriffen soll aus diesem Gewirr von Stangen und Rädern ein Fahrrad werden? Ungläubig schaue ich Winni Heun an. Der Inhaber von „Kultrad Berlin“ nickt begütigend, ergreift das handliche Konglomerat und legt los: Sattelstütze raus, Lenker aufgeklappt, mit einem kräftigen Griff Vorder- und Hinterrad aufrichten, Rahmen festschrauben, fertig! Ein ansehnliches Brompton-Faltrad steht bereit, um mit mir gemeinsam den sommerlichen Fahrradtest auf Hiddensee zu bestehen. Ein britischer Klassiker auf einer ostdeutschen Insel – die Voraussetzungen könnten schlechter sein.

Diesmal beginnt der Test schon an der Fähre, die mein Leihrad und mich nach Vitte bringen soll. Ein spannender Moment, denn ich reise ohne Fahrradticket. Mein Brompton wartet zusammengeklappt und dank kleiner Transporträdchen rollbar in Koffergröße neben dem Hiddenseesack und dem Fotorucksack. Alles wird anstandslos durchgewunken. Erste Hürde geschafft.

Erste Entfaltung

Die zweite wartet bei der Ankunft in Vitte: Wie war das mit den Handgriffen in der richtigen Reihenfolge? Doch mit ein bisschen Konzentration schaffe ich es, mein Rad fahrtüchtig zu entfalten. Wenn man es einmal kapiert hat, geht es wirklich verblüffend einfach. Also, rauf auf den Sattel und Abfahrt Richtung Quartier. Dort komme ich trotz Gepäck entspannt an. Schon wieder ein Pluspunkt fürs kleine Faltbare, das seine Qualitäten nun gleich bei der ersten Inselrundfahrt beweisen soll.

Es geht unspektakulär den Deich entlang. Da man auf dem Zweirad eher aufrecht sitzt, lassen sich Ostsee, Strand und Hinterland bestens im Auge behalten – schon mal gut für eine Begrüßungstour. Für einen kurzen Abstecher zu Freunden, die ich am Strand erspähe, schultere ich das Rad und trage es über den Sand. Keine schwere Übung mit dem Leichtgewicht. Zwischenfazit nach dem ersten Tag: Feine Sache.

Am nächsten Tag geht es zur ultimativen „Tour de Dornbusch“. Schon auf dem Kirchweg in Kloster wird klar, dass dies nicht erst am Berg spannend wird. Trotz Federung der Sattelstütze werde ich ordentlich durchgeschüttelt. Nach dem Feuerlöschteich geht es links auf die holprigen Betonplatten des Leuchtturmwegs. Spätestens hier sehne ich mich nach einem komfortableren Gefährt, denn die ständigen Erschütterungen übertragen sich direkt über den Sitz auf mich. Egal: Kräftig treten und weiter. So komme ich ein ganzes Stück den Hang hoch. Dank Gangschaltung kann ich auch nach ersten Ermüdungserscheinungen noch ganz gut sitzen bleiben.

Gute Technik, stolzer Preis

Beim Thema Schaltung gibt’s hier einen kurzen Technikdiskurs. Mein Brompton bietet mit der Kombi aus Brompton-Wide-Range-Nabe und Umwerfersystem sechs gut abgestimmte Gänge. Gesteuert werden die über zwei Hebel am Lenker, und auch hier muss man kein Radprofi sein, um zu kapieren, wie es funktioniert. Beim Loben müssen wir auch über den Preis reden. Denn das Brompton ist ein Manufakturrad und startet bei 1000 Euro. Alle Teile entstehen in einem eigenen Werk im Londoner Westen.

Der Branchenpionier verarbeitet tolles Material, jeder Kunde kann die Komponenten selber zusammenstellen und aus je zwei Rahmen- und Reifenarten, zwei verschiedenen Federungen, je drei Sätteln und Lichtvarianten, je vier Gangschaltungen und Lenkern sowie aus 15 Farben wählen. Wer von allem das Beste wählt, landet schon mal im mittleren vierstelligen Bereich.

Zurück zum Rüttelweg und der Bergwertung: Wegen der kleinen Räder und der besonderen Rahmenkonstruktion verbietet es sich, in Tour-de-France-Manier aus dem Sattel zu steigen. Ich strampele wild entschlossen weiter – sitzend. Doch die Kondition sagt eiskalt „Nein!“ und zwingt mich deutlich vor dem Inselblick vom Rad. Immerhin: Der Ausblick auf die Insel entschädigt mich für die Schmach. Ich komme sogar zügig wieder zu Atem – konditionsmäßig ist wohl doch noch nicht alles verloren. Erholt radle ich durch den Wald zum Klausner und nach kurzer Rast weiter zum kurzen Fotostopp vor dem Leuchtturm.

Nur die harten kommen zu Tale

Geht alles bestens. Lausig aber wird die Abfahrt auf der Plattenstraße. Hier schüttelt es mich mehrfach fast vom Sattel. Jeder Schlag wird über den Lenker direkt übertragen, es fällt sehr schwer, die Kontrolle über das Rad zu behalten. Getreu dem Motto: „Nur die Harten kommen zu Tale“ halte ich durch.

Zur Verabredung am nächsten Tag im Inselsüden bin ich – mal wieder – spät dran. Zeit für Höchstleistungen auf gerader Strecke. Das Faltrad und ich versagen nicht. Im höchsten Gang mache ich ordentlich Meter, erreiche Neuendorf fast pünktlich und nutze die zaunarme Kulisse für ein Auf-/Abbau-Video.

Lässt sich fast so leicht wie die Bügelwäsche zusammen falten. © Hiddensee Magazin

Fazit: Das kompakte Faltrad ist besonders für Zugfahrer oder Segler zu empfehlen, die Wert auf ein eigenes Fortbewegungsmitte auf der Insel legen. In der Stadt lässt es alle Möglichkeiten off en, im Gelände zugegeben auch ein paar Wünsche. Trotzdem: Konzept, Technik und Gesamtwirkung sind faszinierend. Ein innovatives Rad, das bis ins Detail hochwertig verarbeitet ist und bei minimalem Packmaß maximalen Spaß macht.

Wir haben uns das Faltrad für die Testtour auf Hiddensee geliehen bei:

Kultrad Berlin, Linienstr. 77, 13088 Berlin-Mitte

Aus Hiddensee Magazin #7 / Sommer 2015

Hier geht es zur Brompton-Homepage

Hier geht es zur Kultrad-Homepage

veröffentlicht am 10.03.2016 17:03
Aktualisierung am 17.11.2016 12:48

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