Inselmenschen

Die Plattforscherin

Die Sprachprofessorin Renate Herrmann-Winter (82) wird auch in diesem Jahr die Tür zu ihrem schönen reetgedeckten Haus am Süderende in Vitte weit öffnen und es „rinlaten“. Vorausgesetzt, sie ist nicht doch in Berlin, Greifswald, Stralsund oder anderswo unterwegs, um Termine einzuhalten, mit Verlagen zu verhandeln oder einfach nur Kultur oder Familie zu genießen. Bis vor wenigen Jahren noch hat sie Vorlesungen übers Niederdeutsche an der Uni Greifswald gehalten.

Von Barbara Stock

Renate-Herrmann Winter. © Frank Dehlis

Das Platt lässt sie nicht los: Auf ihrem Schreibtisch türmt sich Arbeit noch und nöcher. Hier auf der Insel, sagt sie, kann sie am besten nachdenken. In einer Zeit, in der sich die seltsamsten Wörter, die absurdesten Redewendungen, ja selbst schräge Kürzel massiv Zutritt zur deutschen Sprache verschaffen und nicht nur Forscher in Angst und Schrecken versetzen, in dieser Zeit scheint es fast grotesk, dass sich jemand schier unbeirrbar einem Nebenzweig wie dem Niederdeutschen widmet.

Während Untergangspropheten Bollwerke gegen die Erosion der deutschen Sprache auftürmen, gräbt Renate Herrmann-Winter ruhig und beharrlich in den Wurzeln des Plattdeutschen. Und befördert zutage, was sich über die Jahrhunderte in Reinkultur oder in regionalen Abwandlungen erhalten hat.

„Viele wollen Platt lernen“

Abseitig findet die agile Wissenschaftlerin ihre Beschäftigung ganz und gar nicht: „Viele wollen Platt lernen, überall schießen Zirkel aus dem Boden“, sagt sie lächelnd über den Trend zur Wurzelsuche und weiß: Ihre Publikationen helfen da gewaltig. Das „Kleine plattdeutsche Wörterbuch“ stammt ebenso aus ihrer Feder wie eine Sammlung, bei der Prominente über Platt reden oder wie das große Platt-Lehrbuch mit Hörbeispielen. Den letzten großen Erfolg feierte der 2013 bei Hinstorff erschienene Sprachatlas. In diesem bündelt die Professorin ihre Erkenntnisse zum Niederdeutschen aus über 50 Jahren, verweist mit erfreulich detaillierten Karten auf regionale Unterschiede und liefert so ein beredtes Zeugnis dafür, in welch komplexem System sich Sprache entwickelt. Renate Herrmann-Winter macht ihr Forschungsfeld zu einer öffentlichen Sache – mit einer Energie, die fast zum Greifen ist. „Spaß möt sin?“ – na klar, aber erst nach der Arbeit!

© Frank Dehlis

Hier auf der Insel, sagt die drahtige Frau in einer Art fröhlicher Ergebenheit, pegeln sich die Tage rasch auf einen fast naturgegebenen Rhythmus ein. Zu dem gehört – wenn Wellen und Temperaturen es zulassen – das Schwimmen vorm ersten Morgenkaffee ebenso wie das Klavierspielen am Nachmittag. Und natürlich der alltägliche Gang an den Schreibtisch im Obergeschoss. Hinter Aktenbergen winken die Äste des Apfelbaums im Garten durchs Fenster. Fehlt das Laub, grüßt das Meer durch die Zweige. Ein guter Platz, um sich zu sammeln.

Wie überhaupt dieses Haus eine große Faszination ausübt. „Gah fröhlich in, gah fröhlich ut, bliff but‘n un binn‘n in Gottes Hut“ steht über dem Türbogen des Durchgangs von der Diele in den Wohnbereich. Sie hat den Spruch erneuern lassen, damit er komplett plattdeutsch ist. An der Rückseite des Hauses wird der Wert der Heimat gepriesen: „In Nurd un Süd, de Welt is wied. In Ost un West dat Hus is‘t best.“ Beide Sprüche stammen noch vom Erbauer des Hauses. Albrecht Alt – ein Alttestamentler von der Uni Leipzig – hatte kurz vor seinem Tod Mitte der 1950er Jahre den damals mit 40000 Mark dotierten Ehrentitel „Hervorragender Wissenschaftler des Volkes“ verliehen bekommen und das Geld in Vitte investiert. Über Umwege gelangte das Haus an Renate Herrmann-Winter. Erben des Leipziger Professors waren Nachbarn ihrer Eltern in Stralsund und erlaubten ab und an Besuche. „Ich habe das Haus sofort gemocht“, sagt die Sprachforscherin. Sie griff zu, als sich in den 1980er Jahren die Chance dazu bot. Und hat das keine Sekunde bereut.

Hiddensee – sprachlich geteilt

Inzwischen ist das kleine Schmuckstück mit dem romantischen Gärtchen winterfest und genügt modernen Belangen, ohne etwas von seinem Charme eingebüßt zu haben. Viele Jahre, so erzählt Renate Herrmann-Winter, sind sie und ihr Mann mit den zwei Töchtern hergekommen, haben je nach Geldbeutel herumgewerkelt, bis alles passte. „Heute kommen selten alle gemeinsam“, sagt sie mit leisem Bedauern. Schön immerhin, dass auch die Enkel gern hier sind. Wenn nicht, wird geskypt. „Ohne moderne Kommunikation geht ja nichts“, seufzt die 82-Jährige und mosert ein bisschen, weil es mit dem Internet auf der Insel nicht immer zum Besten steht. Dann hält sie kurz inne, lacht, greift zu dem winzigen Diktiergerät auf dem Tisch und erinnert sich, womit sie früher so unterwegs war: „Verrückt ist das schon, wenn ich bedenke, wie riesig und schwer das Tonbandgerät war, mit dem ich gesprochene Sprache auf großen Spulen aufgenommen habe“.

Das Interesse an guten Geräten liegt auf der Hand, denn hörbare Belege sind unerlässlich für die Sprachforschung. Auch auf der Insel hat sie Aufnahmen gemacht. „Ich ahnte, dass hier ein so genanntes Dialekt-Relikt-Gebiet sein könnte, das war aufregend. Also hab ich Mitte der 1960er und 2006 Vertreter aus jeweils drei Generationen befragt, um zu sehen, ob und wie sich Dialekte verändert haben“. Dafür stapfte sie bei Regen und Sturm über die Insel, hielt auf Band fest, wie die Fischer Arbeit und Leben beschrieben. Und tatsächlich fand sie sprachliche Unterschiede. In Kloster und Vitte sprach man in Nuancen ein etwas anderes Platt als in Neuendorf. „Nehmen wir zum Beispiel den Kuchen: der war im Süden der ,Koken“, nördlich der Heide aber schon der ,Kauken‘“. Man darf annehmen, dass die Hiddenseer trotzdem keine ernsten Verständigungsprobleme hatten...

© Frank Dehlis

Renate Herrmann-Winter ist Nordlicht durch und durch. Geboren wurde sie in Greifswald, nur wenig später zogen die Eltern nach Stralsund, wo sie aufgewachsen ist. Die Mutter, gelernte Krankenschwester, kümmerte sich als Hausfrau liebevoll um sie und ihre zwei Brüder, einen großen und einen kleinen. Beide verschwanden später rasch nach Westdeutschland. Sie aber blieb da, bei den Eltern. „Ich konnte nicht weg. Das hätte meiner Mutter das Herz gebrochen. Und mir auch“. Doch sie haderte heftig mit dem Land, das sie nicht reisen ließ – nicht zu ihren Brüdern, nicht zu wissenschaftlichen Tagungen.

Dialekte – feudale Relikte

Mitte der 1950er studierte sie Germanistik und Anglistik in Greifswald und landete am Berliner Institut für Deutsche Sprache an der Deutschen Akademie der Wissenschaften. Sie promovierte 1963 in Rostock und blieb in Greifswald, wo ihre Forschung von politischer Einflussnahme weitgehend verschont blieb. Sie versuchte fortzuschreiben, was großartige Wissenschaftler in der Vergangenheit auf ihrem Gebiet geleistet haben. Doch 1969 war offiziell Schluss. Die DDR strich die Mittel für die Dialektforschung, denn Dialekte galten fortan als feudale Relikte. Die gebildete Nation sollte eine einheitliche Nationalsprache sprechen. Welche Ironie, dass zu dieser Zeit Walter Ulbricht Generalsekretär der staatstragenden SED war, ein Mann, dessen dünne hohe Stimme stets im reinsten Sächsisch umherfistelte.

Um nicht nach Berlin zu müssen, wurde Renate Herrmann-Winter kreativ. Sie suchte sich mit ihrem kleinen Team neue, aktuelle Forschungsfelder. An dem Wörterbuch arbeitete sie trotzdem weiter, widmete sich aber für abrechenbare Beweise ihres Wirkens auch anderen Dingen. „Ich habe die Sprache der Einwohner von Greifswald untersucht, vom Hausmeister bis zum Professor, habe Umgangssprache und Mundart erhoben, erforscht, wie im Norden in der Landwirtschaft gesprochen wurde, wo Plattdeutsch noch lebendig war“. Und sie verfasste Bücher.

Wende mit Überraschungen

Die Idee für ihr Buch „Frau Apotheker kauft ihren Hut auf Hochdeutsch“ hatte sie 1984. „Prominente aus dem Kulturbereich sollen sich zum Plattdeutschen äußern, sagen, was es ihnen bedeutet und ob sie es noch sprechen“, beschreibt sie den Grundgedanken. Gefragt hat sie zum Beispiel den im Norden sehr geschätzten Bildhauer Jo Jastram, aber auch den in Vorpommern geborenen einstigen FDGB-Chef Harry Tisch. Das sollte dem Buch zum Verhängnis werden. Denn als es 1989 erschien, ging es in den Wendewirren schlicht unter. Und weil Harry Tisch in dem Sammelband vorkam, hatte Hinstorff nicht die Traute für eine Neuauflage. Heute ist das Buch unter Kennern Kult.

„Während der Premiere in der Rostocker Kunsthalle tobten draußen schon die ersten Proteste“, erzählt die Autorin. Als die Wende begann, ahnte sie noch nicht, wie fundamental die Umwälzung für sie tatsächlich werden sollte. Renate Herrmann-Winter war 56, als die DDR aufhörte zu existieren. Und 59, als man ihr 1992 den neugeschaffenen Lehrstuhl für Niederdeutsche Sprache und Literatur an der Uni Greifswald anbot. In einem Alter, in dem andere überlegen, was sie mit ihrem Ruhestand anfangen sollen, startete die Wissenschaftlerin noch mal voll durch. Sie richtete die Arbeitsstelle zum Pommerschen Wörterbuch wieder ein – das hatte sie nach dem verordneten Stopp in Eigenregie fortgeführt. 2007 ist der erste Band des Großen Dialektwörterbuchs für die ehemalige Provinz Pommern erschienen.

Platt in Brasilien

Als sie 1998 emeritiert wurde – mit 65 – war auch das noch lange nicht das Ende. „Bei mir ging es einfach immer weiter“, sagt sie in der Rückschau und zuckt lächelnd mit den Schultern. „Mein beruflicher Höhepunkt lag in meinen 60ern, da fing es bei mir an zu pulsieren“. Bis 2014 war sie an der Universität Greifswald beschäftigt, und noch immer lässt sie die Wissenschaft nicht los.

© Frank Dehlis

Jetzt geht es ihr um die Sprache ehemaliger Pommern, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts nach Brasilien ausgewandert sind und deren Sprache sie nun auswertet.

2011 hatte sie in Pomerode (Bundesstaat Santa Catarina) etwa 30 Menschen begleitet, die in Südbrasilien heute noch pommersches Platt sprechen. „Da gibt es Erstaunliches zu entdecken: alte plattdeutsche Wörter, die in Deutschland längst ausgestorben sind, und natürlich viele neue Entlehnungen aus dem Portugiesischen. Das sehen sie mal: Platt ist Weltsprache!“, sagt Renate Herrmann-Winter begeistert.

Wunderbare Erinnerungen

Mit Blick auf den Stapel an Büchern vor ihr auf dem Tisch meint sie fröhlich: „Ich staune, was ich alles gemacht und geschrieben habe. Und wenn ich am Strand spazieren gehe, fällt mir ein, dass viele Ideen zu meinen Büchern auf diesen Wegen geboren wurden. Jetzt lebe ich mit meinen vielen wunderbaren Erinnerungen, das finde ich großartig. Ich finde Zeit zu resümieren, was wirklich wichtig gewesen ist in meinem Leben. Und mir wird klar, wieviel davon schön war. Ein gutes Gefühl.“

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Süderende 124, Hiddensee

Aus Hiddensee Magazin #8 / Winter 2015

veröffentlicht am 10.03.2016 18:34
Aktualisierung am 03.09.2016 11:54

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