Inselmenschen

50 Jahre Hiddensee-Urlaub

Seit einem halben Jahrhundert machen Gerlinde (70) und Hans-Jürgen Gohrisch (72) Urlaub in Neuendorf auf Hiddensee. Jedes Jahr, ohne Unterbrechung, meistens im Juni und immer drei Wochen. Anlässlich des goldenen Jubiläums hat das Hiddensee Magazin die beiden Urlauber zu Hause in Peritz, einem kleinen Dorf in Sachsen, besucht.

Von Ute Meckbach

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Gerlinde und Hans-Jürgen Gohrisch in jungen Jahren auf Hiddensee. © privat

Sie fahren seit 50 Jahren jeden Sommer nach Hiddensee. Können sie sich noch an ihr erstes Mal erinnern?

Gerlinde: Aber sicher. Den Urlaubsplatz auf Hiddensee haben wir im August 1965 über den FDGB bekommen. Da wusste ich noch gar nicht, dass es diese Insel gibt. Es war unser erster Urlaub überhaupt. Wir waren 20 und 22 Jahre alt, verheiratet, und unser Jens war auch schon da. Den haben wir ab dem zweiten Jahr mitgenommen, bis er zwölf war, dann wollte er nicht mehr.

Wissen Sie noch, wie Sie damals angereist sind?

Gerlinde: Das war ein Abenteuer! Wir sind abends halb sieben in Peritz los, und dann über Nacht von Riesa mit dem Zug gefahren mit Umsteigen in Leipzig und Berlin. Früh um fünf waren wir in Stralsund, um sechs ging das erste Schiff, und um acht waren wir auf der Insel. Nach 13 ½ Stunden Fahrt.

Und als Sie ankamen, haben Sie gestaunt, wie schön das hier ist?

Gerlinde: Nein, wir waren müde und kaputt. Neuendorf sah öde aus. Ich dachte: „Mensch, was die alle erzählen.“

Hans-Jürgen: Man sah lauter alte Baracken...

Gerlinde: ... und unser Wirt stand am Hafen mit der Pfeife in der Gusche. Wir haben am Anfang kein Wort verstanden, die sprachen ja alle Platt. Aber wir waren richtig bei ihm: Willi Schlieker und seine Frau Lisbeth, das waren unsere Wirtsleute.

Wie hat denn Ihr Quartier ausgesehen?

Gerlinde: Das war ein Zimmer, schlicht und einfach, die Holztreppe hoch, das hat immer schön gepoltert. Zwei Betten mit Strohsäcken, eine Waschschüssel, Plumpsklo. Das Wasser mussten wir von der Pumpe im Hof holen und dann über der Wiese ausschütten.

Hans-Jürgen: Manchmal haben wir auch in der Hühnerlaube gleich neben dem Hühnerstall geschlafen, dort war’s eigentlich am schönsten. Es war kühl, wir waren für uns allein, und der Jens konnte rein und raus, wie er wollte.

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Sind Sie immer zur gleichen Zeit gefahren?

Hans-Jürgen: Ja, im Juni, zur Heuernte. Willi und Lisbeth hatten Schafe und eine Kuh, da musste Heu gemacht werden. Ich konnte mit der Sense mähen und meine Frau Heufuder laden. Die wussten gar nicht, wie man das macht. Die haben für die gleiche Ladung vier Fuhren gebraucht, wo bei uns eine langte. Früh um vier stand Willi vor der Hühnerlaube: „Gohrisch, es geht los!“

Gerlinde: Einmal kamen Berliner vorbei und sagten: „Das können nur Sachsen sein, die hier arbeiten.“

Haben Sie manchmal Neid verspürt, weil Ihnen der Urlaubsplatz sicher war?

Gerlinde: Ich kenne den Spruch, dass man nur mit Beziehungen oder als Stasi-Mitarbeiter Hiddensee-Urlaub machen konnte. Darüber habe ich mich geärgert, denn auf uns traf das nicht zu. Wir haben unseren Wirtsleuten nur geholfen. Das haben doch viele gemacht, damit sie wiederkommen durften.

Hans-Jürgen: Die Klempner, die Maler – jeder hat was mit hochgeschleppt. Wir haben Willi und Lisbeth immer Weizen mitgebracht. Hinten auf dem Rücksitz vom Trabi, rechts und links ein Sack, in der Mitte Jens, der konnte nicht umfallen. Und der Trabi stand vorn hoch durch die Last.

Gerlinde: Einmal sind wir mit sechs Hühnern hochgefahren, die haben auf der Fahrt sogar gelegt! Leider haben sie nicht lange gelebt, weil die den Wind da oben nicht gewöhnt waren. Das Wetter ist ja hier ein ganz anderes. Die Katzen auf der Insel haben auch ein viel dickeres Fell als unsere.

Haben Willi und Lisbeth Ihren jährlichen Ernteeinsatz dem FDGB zu verdanken?

Gerlinde: Nein, über den FDGB lief der Urlaub nur im ersten Jahr, dann waren wir drei Jahre „Wunschgast des Reisebüros“, später privat. Wir waren bei Schliekers immer für drei Wochen eingeplant, obwohl offiziell nur zwei genehmigt waren. Die Frau, die auf der Insel die Urlaubsplätze verteilte, wusste immer schon Bescheid. Wir haben ihr jedes Jahr was zugeschoben und verlängert.

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Sie haben aber sicher nicht nur gearbeitet im Urlaub ...

Gerlinde: Nein, die meiste Zeit waren wir am Strand, immer in der großen Gruppe. Wir sind zum kleinen Leuchtturm bis zum Segleraufgang am „Schwarzen Peter“ gelaufen, Windschutz und Gummiboot mit dabei und alle Truppenteile zusammen.

Hans-Jürgen: Zum Essen ging es in die „Stranddistel“, da gab’s Frühstück, Mittag, Abendbrot, alles zeitgebunden. Eine Speisekarte haben wir aufgehoben vom 16.06.1976: „FDGB-Erholungsheim Stranddistel, Preisstufe drei. – Schweinebraten, Mischgemüse, Salzkartoffeln, 3,10 Mark.“

Gab es noch einen anderen Lieblingsort auf der Insel?

Gerlinde: Das „Hotel am Meer“! Das ist jetzt vollkommen verfallen, es können einem die Tränen kommen. Dort waren wir tanzen und haben Striptease gesehen, Männerstriptease!

Hans-Jürgen: Die Bedienungen aus Berlin waren schwul, alle beide. Aber: Pfundskerle! Die haben uns sogar nach Berlin eingeladen.

Gerlinde: Sie haben dann später oben beim „Klausner“ gearbeitet, die beiden. Die waren prima. Auf Hiddensee haben wir überhaupt die ersten Schwulen kennengelernt, auch Lesben. Man hat sich überhaupt nicht dran gestört, das sind trotzdem wunderbare Menschen.

Was gehörte außerdem zu Hiddensee dazu?

Gerlinde: Herrliche Sonnenuntergänge. Der Trompeter, der am Strand geblasen hat. Bratkartoffeln mit Spiegelei in der „Heiderose“.

Hans-Jürgen: Es war eine schöne Zeit. Wir waren immer dieselbe Truppe: Burgstädt, Chemnitz, Oschatz... Abends haben wir alle zusammen vor der Scheune gesessen und einen gezwitschert. Das war nach der Wende anders. Die meisten haben woanders Urlaub gemacht. Und jetzt sind schon viele tot.

Gerlinde: Die Gemeinschaft vermissen wir, auch am Strand. Wir kannten uns alle, haben sogar Bergfest miteinander gefeiert. Und vor allem: Wir waren alle nackig. Es konnte keiner prahlen, was er für Klamotten oder was für ein Konto hat.

Das Konto spielt heute beim Urlaubmachen eine wichtige Rolle. Sie haben die Preisentwicklung über ein halbes Jahrhundert verfolgt ...

Gerlinde: Bei Schliekers haben wir für die Hühnerlaube 2,50 DDR-Mark pro Bett bezahlt. Im Haus war’s bisschen teurer, aber nie mehr als 10 Mark zu Ost-Zeiten. Jetzt bezahlen wir für unsere Ferienwohnung im „Caspar-Hus“ sehr viel mehr. Aber das ist eben die Entwicklung. Wir können es uns schon leisten.

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Das „Caspar-Hus“ ist Ihr zweites Zuhause,auf Hiddensee. Seit wann machen Sie dort Urlaub?

Gerlinde: Wir wohnen seit 1992 bei Sabine Liedtke im „Caspar-Hus“. Willi und Lisbeth waren gestorben, da brauchten wir eine neue Unterkunft. Sabine kannten wir schon vorher, wir sind schon zu DDR-Zeiten um das Haus rumgeschlichen und dachten: ‚Hier möchten wir mal Urlaub machen.’ Jetzt wohnen wir immer in der Ferienwohnung im Erdgeschoss, wunderbar: Schlafzimmer, Stube mit Kochzeile und Dusche, das hat

schon Niveau. Seit mein Mann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr an den Strand gehen kann, sitzen wir viel draußen vor der Veranda und genießen den Blick und die Sonne.

Sie kennen bestimmt jedes Haus und jeden Strauch auf der Insel ...?

Hans-Jürgen: Nein, wir sind nie sehr viel rumgefahren. In Kloster und Vitte gefällt es uns nicht. Da sind zu viele Menschen, zu viel Trubel, zu viele Geschäfte. In Neuendorf ist es viel ruhiger. Und das soll auch so bleiben.

Was ist denn das Schöne daran, immer wieder den gleichen Ort zu besuchen?

Gerlinde: Dass man dort ankommt und sofort zu Hause ist. Man braucht sich an nichts Neues gewöhnen. Die Erholung fängt sofort an.

Hans-Jürgen: Nach der Wende waren wir in Kanada, Italien, Österreich, im Schwarzwald ...

Gerlinde: ... aber Erholung war das nicht. Man fährt da jeden Tag rum und kann die Eindrücke gar nicht alle fassen. Auf Hiddensee ist es viel schöner: Herrliches Wasser, gute Luft und wenig Leute. Und wenn es mal kalt ist, wird eben ein Grog getrunken. Wir sind noch nie einen Tag eher abgereist.

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© Ute Meckbach

Verraten Sie uns Ihre Urlaubsrituale?

Gerlinde: Ritual eins: Ein Kräuterlikör und ein Bierchen für mich bei der Ankunft in Schaprode am Hafen. Seit mein Mann nicht mehr Auto fährt, fahre ich die ganze Strecke allein und freue mich, wenn wir heil ankommen.

Hans-Jürgen: Ich besuche jedes Jahr den Friedhof in Kloster und gehe zu Willi ans Grab, mit ihm eine rauchen.

Gerlinde: Und fast jeden Abend machen wir unsere Hafenrunde, über’n Damm, es ist nicht weit.

Hans-Jürgen: Dort sitzen immer die Fischer auf der Bank. Die machen Platz und sagen: „Kommt, setzt euch mit her.“ Manche sind richtige Freunde geworden.

War schon mal jemand von den Hiddenseern bei Ihnen zu Besuch?

Gerlinde: Nein, wir haben unsere Wirtin zwar schon eingeladen. Aber die kommt nicht nach Peritz. Die fährt eher nach Amerika.

Und gibt es auch ein Abschiedsritual?

Gerlinde: Die Tränen, jedes Mal. Was meinen Sie, was wir beim Abschied geheult haben, wenn die anderen am Hafen standen und gewunken haben. In den letzten Jahren bin ich richtig krank, wenn’s abgeht, und weiß gar nicht, wo mir’s fehlt. Ich esse nichts mehr und mir ist hundeelend. Wenn wir dann ein bisschen gefahren sind, wird’s besser. Ich weiß ja, dass wir wiederkommen.

Aus Hiddensee Magazin #7 / Sommer 2015

veröffentlicht am 15.03.2016 17:10
Aktualisierung am 20.03.2016 01:50

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