Inselkultur

60 Jahre Gerhart-Hauptmann-Haus

Gebaut als Liebesnest, wurde das Sommerhaus eines Literaturnobelpreisträgers nach dessen Tod zu einer Institution in der Ästhetik der jeweiligen Zeit.

Von Franziska Ploetz

Wenn man in den 1930er Jahren auf der Terrasse des Sommerhauses von Gerhart Hauptmann stand, sah man den Bodden und das Meer. Das Haus war umgeben von Sanddorn, Heckenrosen, Holunder und Ginster. Durch das Gebüsch führten einzelne Trampelpfade und auf einer der Lichtungen stand ein Strandkorb, in den sich Gerhart Hauptmann gern zum Arbeiten zurückzog. Zwar hatte Hauptmann selbst schon Buchen gepflanzt, aber diese waren klein. Statt eines Buchenwäldchens erstreckte sich östlich des Hauses ein Birkenwäldchen tschechowscher Anmutung – es war baltischer und wilder, sandiger und lichter.

Das Gerhart-Hauptmann-Haus auf Hiddensee © Alexander Rudolph

Das Gerhart-Hauptmann-Haus in seiner heutigen Gestalt birgt in sich eine Reihe unterschiedlicher Zeiten, die sich wie Sedimente übereinander abgelagert haben: Gebaut als Liebesnest, wurde es zum Sommerhaus eines Literaturnobelpreisträgers und damit zu einem Kristallisationspunkt der Künstlerinsel Hiddensee der 1920er und 1930er Jahre. Nach dem Tod des Dramatikers wurde der private Kristallisationspunkt zu einem öffentlichen, zu einer Institution in der Ästhetik der jeweiligen Zeit. Das parkähnliche Ambiente jedenfalls, welches das Gerhart-Hauptmann-Haus seit Jahrzehnten umgibt und das mittlerweile wieder wesentlich lichter ist, hat mehr mit der Hauptmann-Rezeption als mit Gerhart Hauptmann selbst zu tun – dazwischen liegt ein großer Unterschied.

Gerhart Hauptmann beim Diktat mit der Sekretärin Elisabeth Jungmann, im Gras einer der Hunde der Familie. © Staastsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz

Begonnen hat die Geschichte des heutigen Gerhart-Hauptmann-Hauses wenn man so will als Morgengabe. Ein Berliner Glaswarenfabrikant namens Modler baute 1920 auf der Ostseeinsel Hiddensee ein Haus für seine Geliebte. Es war eines der ganz frühen Sommerhäuser und wurde optisch als Fremdkörper wahrgenommen. Um diesen Effekt abzumildern, ließ er das Dach abwalmen und zwei Veranden vorsetzen, die dem Haus ein insgesamt lieblicheres Aussehen gaben. Umgeben war es von Sanddornbüschen, die ihm den Namen verliehen: „Haus Seedorn“. Wenn Fräulein Raeth, so hieß die Freundin des Glaswarenfabrikanten, das Haus nicht für sich selbst nutzte, vermietete sie es, so auch an den prominenten Hiddensee-Gast Gerhart Hauptmann, der ab 1925 ihr Sommermieter wurde. Ob ein Ende der Liason zwischen Herrn Modler und Fräulein Raeth oder davon unabhängige finanzielle Beweggründe ausschlaggebend waren, ist nicht bekannt, aber Fräulein Raeth trennte sich Ende der 1920er Jahre von ihrem Haus auf Hiddensee.

Sie verkaufte es an die Gemeinde Hiddensee, die von vornherein beabsichtigte, es an Gerhart Hauptmann weiter zu verkaufen. Dieser war mit seiner Entscheidung etwas zögerlich. Seit vielen Jahren schon suchte er nach einer Immobilie auf der Insel, und unterschiedlichste Kaufabsichten hatten sich bereits zerschlagen. Nun ging es um das Haus Seedorn. Nach vielem guten Zureden von Seiten des Pfarrers Arnold Gustavs war es im Jahr 1929 dann endlich soweit: Der Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann wurde der neue Eigentümer von Haus Seedorn und damit ansässig auf Hiddensee. Er war zu diesem Zeitpunkt 67 Jahre alt und in einer langen Geschichte mit Hiddensee verbunden.

Annalise Hauptmann und ihr Sohn Arne am Hiddenseer Strand (1936) © Gerhart-Hauptmann-Stiftung

Als 23jähriger hatte er die damals touristisch noch völlig unerschlossene Insel das erste Mal besucht. Ihre landschaftliche Lieblichkeit und der damit so anregend kontrastierende raue Charme ihrer Bewohner blieben dem Fremdenverkehr allerdings nicht verborgen, so dass sich Hiddensee im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert zu einer überaus beliebten Sommerfrische entwickelte, auf der sich Schriftsteller, Schauspieler, Maler und Wissenschaftler allererster Güte ein Stelldichein gaben, allein der Nobelpreis verschiedenster Kategorien war mehrfach vertreten. Die Entwicklung Hiddensees zur künstlerischen Sommerfrische hatte Gerhart Hauptmann nicht nur verfolgt, sondern war ein Teil von ihr. War er bei seiner ersten Reise nach Hiddensee 1885 noch ein völlig unbekannter, junger Mann, hatte sich das bei seinem zweiten Besuch 1895 schon gänzlich geändert: Ab seinem Debut „Vor Sonnenaufgang“ galt er als die Speerspitze der modernen deutschsprachigen Dramatik und avancierte zu einem der meistgespielten und gelesenen Autoren seiner Zeit. 1912 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Mit seinem Erwerb des Hauses Seedorn wurde also eine ausgesprochene Berühmtheit auf Hiddensee ansässig, und das Haus in der Folge zu einem Kristallisationspunkt künstlerischer Arbeit auf Hiddensee.

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Gerhart und Margarete Hauptmann beim Spaziergang auf Hiddensee (um 1932). © Staastsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz

Gerhart Hauptmann ließ das neu erworbene Haus entsprechend seiner Erfordernisse umbauen. Es blieb aber, relativ betrachtet, ein vergleichsweise bescheidenes Sommerhaus, das er allerdings mit einer kleinen, feinen Kunstsammlung ausstattete, die seine stete Liebe zur Bildenden Kunst, private Freundschaften mit Malern und die allgemeine kulturgeschichtliche Nähe zu den Künstlern der Berliner Sezession belegen. Haus Seedorn wurde mit den Dingen des täglichen Bedarfs ausgestattet, und die Bücherregale seines Arbeitszimmers füllten sich mit einer Art Hiddenseer Handbibliothek, zu der u.a. eine Goethe-Gesamtausgabe, Brehms Tierleben, das Nagler Künstlerlexikon und die Bibliothek der Kirchenväter gehörten. Sein umfassender Anbau macht es deutlich: Haus Seedorn war im Besitz Gerhart Hauptmanns kein Ferienhaus, sondern ein Zweitwohnsitz und Arbeitsort. Der Tagesrhythmus seiner Bewohner war dem Arbeitsrhythmus des Dramatikers stets unterworfen. Ein großer Teil von Hauptmanns Alterswerk ist in dem Sommerhaus auf Hiddensee entstanden, so zum Beispiel das Drama „Vor Sonnenuntergang“, das die Liebe eines älteren Mannes zu einer sehr jungen Frau erzählt, und 1935 der letzte große, internationale Theatererfolg Hauptmanns wurde. Trotzdem war das Leben im Sommerhaus Hauptmanns alles andere als abgeschottet: Viele Einladungen wurden ausgesprochen und fast jeden Abend Gäste erwartet. Die Begegnungen waren heiter, so beschreibt es Asta Nielsen, manchmal verwunderlich, so beschreibt es Ernst Toller, und der Weinkeller war berühmt.

Die Überführung Gerhart Hauptmanns von Stralsund nach Hiddensee am 27. Juli 1946, in der Mitte Johannes R. Becher und Margarete Hauptmann. © Staastsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz

Mit dem Tod Gerhart Hauptmanns am 6. Juni 1946 im heimatlichen Agnetendorf in Schlesien war auch das Sommerhaus auf Hiddensee verwaist, dafür aber mit Bedeutung durch die Prominenz des eben verstorbenen Besitzers aufgeladen, der zu einer Identifikationsfigur und Integrationsfigur der Nachkriegszeit geworden war – selbst nach oder gerade mit seinem Ableben. Gerhart Hauptmann wurde nach Hiddensee überführt und Ende Juli 1946 auf der Ostseeinsel von Pfarrer Arnold Gustavs bestattet. Er selbst hatte diesen Wunsch an verschiedener Stelle geäußert. Die tief verschleierte Witwe allerdings verließ die Insel umgehend nach der Beerdigung und kehrte auch nicht zurück. In Absprache mit ihr und der Gemeinde Hiddensee zogen 1947 Frau und Herr Bergendahl in das Sommerhaus der Familie Hauptmann, ein älteres Ehepaar, das zuvor bei seinem Sohn auf Gut Freesen auf Rügen gelebt hatte. Sie bewohnten die obere Etage des alten Hauses, die übrigen Räume waren verschlossen, die Schlüssel verwahrte Pfarrer Arnold Gustavs. Vermutlich ist das Arrangement auf seine Initiative zurückzuführen, er wird den Besitz Hauptmanns bei den Bergendhals in guten Händen gewusst haben.

Als Frau Bergendahl 1953 starb, zog ihr Mann nach Berlin. Pfarrer Gustavs gab die Schlüsselgewalt an die Akademie der Künste ab und für das Haus begann eine Art Interregnum, in dem sich das Gedenken an den Literaturnobelpreisträger und die praktischen Wohnraumerfordernisse der Nachkriegszeit den Raum teilten: Quellen sprechen von kaum vorstellbaren 35.000 Besuchern im Sommer 1954, gleichzeitig bezog die Bildhauerin Karla Friedel das Haus. Sie nutzte wiederum die oberen Räume sowie die Küche und die Ostveranda. Nachdem die Akademie die Verwaltung des Hauses Seedorn ein Jahr später an die Gemeinde Hiddensee übertragen hatte, wurde für das der Öffentlichkeit zugängliche Arbeitszimmer sowie den Kreuzgang ein erstes Eintrittsgeld erhoben. Anfang 1956 wurde der Auftrag erteilt, Haus Seedorn offiziell zur Gerhart-Hauptmann-Gedächtnisstätte einzurichten und nach Renovierungsarbeiten wurde das Haus im Juni als solche eröffnet, inklusive eines kleinen Kassenhäuschens an der Grundstücksgrenze. Zum Leiter bestellte man Carl Ebbinhaus, der bereits das Heimatmuseum etabliert hatte. Beide Häuser wurden als Museen der Gemeinde Hiddensee geführt. Die erste Ausstellungskonzeption erarbeitete Dr. Gustav Erdmann, Germanist und Lektor im Petermänken-Verlag.

Blick in den 1976 umgestalteten Kreuzgang. © Heimatmuseum Hiddensee

Ab der Institutionalisierung des Sommerhauses als Gedächtnisort wird die Frage interessant: Wer zeigt wann und was von Gerhart Hauptmann? Welches Hauptmann-Bild soll der Öffentlichkeit zu welcher Zeit vermittelt werden? Nachgehen kann man dem u.a. anhand der Räumlichkeiten, die den Besuchern des Hauses über Jahrzehnte hinweg sukzessive zugänglich gemacht wurden: Anfangs waren dies das Arbeits- und Abendzimmer sowie der Kreuzgang, die Stätten der Arbeit und des künstlerischen Austausches also.

Blick in das im Originalzustand erhaltene Arbeitszimmer von Gerhart Hauptmann. © Marcus Bredt

Ende der 1980er Jahre kamen mit den wieder in den Originalzustand versetzten Schlafzimmern im Obergeschoss private und innerliche Aspekte hinzu, die Räume zeigen u.a. die nächtlichen Wandnotizen Hauptmanns, die sowohl auf Schlafprobleme des Dramatikers als auch auf seine Verfasstheit in den 1930er und 1940er Jahren verweisen und sogleich zur politischen Einordnung des Schriftstellers herangezogen wurden. Schließlich bekam das Gerhart-Hauptmann-Bild 1996 noch eine weitere Farbe, mit der man den Dramatiker gleichsam aus der hohen Sphäre der Dichtung in genussvolle Umgänglichkeit holte: Der Weinkeller Hauptmanns wurde entrümpelt und fortan nicht nur als Raum zur Besichtigung freigegeben, sondern nach einem fahndungsähnlichen Aufruf in einem Winzerfachblatt wieder mit der Sorte befüllt, die schon zu seinen Lebzeiten an selbigen Ort lagerten und im Zuge der abendlichen Kolloquien genossen wurden. Selbstverständlich hatten diese Entwicklungen immer auch pragmatische Gründe. So wurden die oberen Räume des Hauses überhaupt erst mit dem Tod Karla Friedels 1970 frei, und in der unmittelbaren Folge dienten sie auch erst einmal als Büro der Museen, bevor dieses dann in die ehemalige Küche umzog.

Karin Blase und Jürgen Schäfer Anfang der 1980er Jahre im ehemaligen Schlafzimmer Gerhart Hauptmanns, das zu dieser Zeit als Büro der Hiddenseer Museen genutzt wurde. © Heimatmuseum Hiddensee

Dass aber die Ausstellungskonzeptionen der verschiedenen Jahre immer auch die jeweilige Rezeption Hauptmanns lenken sollen und der ideologischen Deutungshoheit ihrer Zeit unterworfen sind, zeigt eindrucksvoll eine Auseinandersetzung um die Ausstellung in den 1970er Jahren, in der unter Leitung des Greifswalder Germanisten Prof. Spiewok das Ausstellungskonzept des Authentischen Ortes weitestgehend durch eine Tafelausstellung ersetzt wurde, welche die Interpretation dessen, was der Besucher gerade sah, gleichsam mitlieferte. Besonders hart in der Umgestaltung traf es, wen wundert`s, den Kreuzgang, dessen sakral anmutende Wirkung durch das Aufstellen großer Vitrinen, Wandvitrinen und Schautafeln neutralisiert wurde.

Gerhart-Hauptmann-Haus, Schlafzimmer. © Marcus Bredt

Der versuchte Eingriff in die Originalität des Hauses, das Verstecken des bürgerlichen Ambientes und die ideologische Vereinnahmung Hauptmanns riefen allerdings vehementen Widerspruch sowohl von Seiten der Sektion Literatur- Theater- und Musikmuseen des Museumsrates als auch vom Institut für Denkmalpflege hervor. 1978 beschlossenen das Ministerium für Kultur und der Rat des Bezirkes Rostock den Rückbau der kritisierten Ausstellung. Der Museumsführer, der anlässlich dieser Ausstellung erschienen war, wurde aus dem Verkauf genommen und eine erneute Konzeption unter der Leitung von Dr. Erdmann beauftragt, welche wieder auf der Originalität der Räume basierte.

Kaffee- und Teeservice der Familie Hauptmann aus dem Hiddenseer Sommerhaus. © Gerald Freyer

Die Familie Hauptmann wurde für das Anwesen noch einmal von großer Bedeutung als Annalise Hauptmann, eine der Schwiegertöchter des Dramatikers und die Mutter seines Lieblingsenkels Arne, Anfang der 1990er Jahre den entscheidenden Impuls gab, und ihren Anteil am Erbe in eine Stiftung überführte, die mit der Hilfe von Bund, Land und Gemeinde als „Gerhart-Hauptmann-Stiftung, Stiftung bürgerlichen Rechts“ 1994 errichtet wurde. Es ist eine sehr kleine Stiftung, deren ausschließlicher Zweck in Erhalt und Pflege des Sommerhauses Hauptmanns sowie der damit verbundenen kulturellen und wissenschaftlichen Arbeit liegt. Und Anja Hauptmann, ebenfalls Enkelin des Dramatikers, machte dieser kleinen Stiftung ein überaus kostbares Geschenk, das wiederum in die Zeit vor der Erbauung von Haus Seedorn weist: Die originale Nobelpreismedaille, die Gerhart Hauptmann 1912 „in Anerkennung seiner reichen, vielseitigen, hervorragenden Tätigkeit, besonders auf dem Gebiet der dramatischen Dichtung“ verliehen wurde, so die Begründung des damaligen Nobelpreiskommitees.

Nobelpreismedaille (1912). © Gerald Freyer

In meines Hauses stillem Raum, herrscht der Traum. Dies schrieb Gerhart Hauptmann 1943 bei seinem letzten Aufenthalt auf Hiddensee über sein Sommerhaus. Vom träumerischen, lyrischen Aspekt dieser Zeile abgesehen, ist das Entscheidende für die Nachwelt der Raum. Die Insel Hiddensee hat mit dem Gerhart-Hauptmann-Haus einen Raum, in den man sich hinein begeben kann. Dies ist in einer Welt, die oft eine virtuelle ist, viel. Erinnerung und kollektives Gedächtnis kristallisieren sich in ihm und dies schafft die Grundlage für gegenwärtigen, künstlerischen Austausch.

Aus Hiddensee Magazin #9 / Spätsommer 2016

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Kirchweg 13, 18565 Insel Hiddensee

veröffentlicht am 03.09.2016 14:19
Aktualisierung am 22.10.2016 17:43

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